Den Pacific Crest Trail (PCT) von Mexiko nach Kanada zu laufen, ist am Ende wahrscheinlich ungefähr so schwierig, wie es sich anhört. Zumindest wenn man denkt, dass es nicht einfach ist, aber auch nicht unmöglich.
Interessanterweise ist dabei aber nicht das am schwierigsten, was man wohl anfangs denkt. Es ist nicht das Gehen, nicht das Navigieren, es sind nicht die 4.200km, nicht die 136.000 Höhenmeter und es ist auch nicht das Zelten auf Schnee. Das Schwierigste ist es, diese Erfahrungen auch nur annähernd nachvollziehbar zu vermitteln. Ich werde aber mein Bestes geben, einen Hauch von Eindruck zu hinterlassen und mich überwiegend auf das konzentrieren, was hier am meisten interessiert:

Barfußlaufen von Mexiko nach Kanada

Die ersten Tage waren die Hölle

Am 7.4.2019 ging ich los, wir fuhren in aller Herrgottsfrühe mit mehreren Autos von San Diego in die Wüste, wir – das waren 26 Irre, die das Glück hatten, einige Tage bei der großartigen Familie Mann unterzukommen, bevor diese uns als letzte von unzähligen Hilfstaten auch noch zum Startpunkt des PCT an der amerikanisch-mexikanischen Grenze fuhren. Nach einigen Fotos und den letzten Ratschlägen (z.B. Öffnen der Rucksack Brust-& Hüftgurte bei einer Flussüberquerung!) marschierte einer nach der anderen los. Die ersten Schritte auf einer unüberblickbar langen Reise.

Ich hatte mich mit fünf anderen zusammengeschlossen, wir hatten abgemacht, die erste Zeit zusammen zu bleiben. Aber bereits nach einem halben Tag wurde die erste Fehleinschätzung deutlich, unsere Tempi passten überhaupt nicht zusammen. So einen Weg musst du allein gehen. Ich war dabei übrigens der Langsamste. Ich hatte in mehreren Probewanderungen festgestellt, dass ich bei zu hohem Tempo sehr schnell Blasen unter den Füßen bekam, egal welche Schuhe/Socken/Pflaster oder was auch immer ich testete – aber dazu später mehr. Als norddeutsches Flachlandkind musste ich außerdem feststellen, dass der erste Abschnitt des PCT in vielen Erfahrungsberichten etwas unterschlagen wird bzw. wohl in den überwältigenden späteren Erlebnissen unterging.

Ehrlich gesagt waren die ersten Tage für mich eher die Hölle. Die Kombination aus Sand, Hitze, ständigem Hügel rauf und runter und einem viel zu hohen Rucksackgewicht brachten mich an die absolute Grenze. Ich schleppte mich am ersten Tag bis zum verabredeten Schlafpunkt am Hauser Creek, hatte kaum noch Energie, etwas zu kochen und schlief schlecht. Am nächsten Morgen ging es steil bergauf und nach wenigen Minuten platzten die Blasen unter meinen Füßen. Ich war ganz froh, deutlich später losgelaufen zu sein als die anderen, denn ehrlich gesagt war ich komplett am Ende. Wie sollte ich das bloß ein halbes Jahr lang schaffen? Als ich oben ankam, war ich verzweifelt. Ich wusste nicht, was mehr weh tat, mein Rücken oder meine Füße. Ich hatte über ein Jahr Planung hinter mir und war nicht einen Tag weit gekommen. Ich musste irgendwie zum nächsten Ort kommen und ich musste irgendetwas ändern – irgendwas.

Barfuß ging es nach dem ersten Tag weiter

Ich zog Schuhe und Socken aus und lief barfuß bis zum nächsten Ort. Ich weiß gar nicht so genau, warum ich das gemacht habe, denn mit den offenen Blasen war das sicher aus medizinischer Sicht keine gute Idee. Aber es verlieh mir ein Gefühl von Stärke und Freiheit und wie gesagt – ich musste irgendwas tun. Lake Morena liegt etwa bei Meile 20. Ich kam erst gegen Mittag an dem Platz an, den viele am ersten Abend erreichen, verbrachte die Mittagshitze mit einer Dusche und jeder Menge Essen und einem kleinen Nickerchen. Abbrechen war keine Option, nicht so früh. Ich hatte mir vorgenommen, die ersten zwei Wochen auf jeden Fall durchzuhalten, komme was wolle. Also tat ich das einzig Mögliche, ich versuchte mich anzupassen. Ich lief noch langsamer, tapete meine Füße so gut es ging und wurde bei der nächsten Gelegenheit so viel Kram wie möglich los. Nach 100 Meilen waren die Füße blutig, nach 300 verheilt. Nach 500 bekam ich Trailrunningschuhe geschenkt und begann eine Erfolgsgeschichte.

Das Barfußlaufen auf dem PTC

Wer hier erwartet eine Heilsbringer Geschichte von Barfußschuhen zu bekommen, der sei gewarnt. Ich liebe das Barfußlaufen und bin begeistert von meinen leguanos. Aber zu behaupten, irgendwas auf dieser Welt wäre das einzig Richtige, ist unvernünftiger Extremismus. Ich habe meine leguanos insgesamt auf etwa der Hälfte der 4.200km des PCT’s getragen und das war denke ich perfekt. Nachdem ich wie gesagt neue Schuhe bekam, trug ich die leguanos meistens für die ersten 10 bis 15 Meilen am Tag, also 16 bis 24km. Je nach Terrain und Müdigkeit meiner Füße. Den Rest des Tages, wenn meine Füße sich dann anfühlten, als hätten sie Klitschkos Mutter beleidigt, schlüpfte ich in die heftig gedämpften Trailrunner und startete den Tag quasi neu.

Ich bin Physiotherapeut und meine, mich etwas mit unserem Bewegungsapparat auszukennen. Laufen mit starker Dämpfung und Führung nimmt unserer Muskulatur die Arbeit ab. Auf Dauer verliert unser Bewegungsapparat dadurch die Fähigkeit, eben diese Dämpfung und Sicherung der Gelenke selbst zu gewährleisten. Wir bekommen Probleme mit der Beinachse, was zu Dysbalancen und ungleichmäßigem Verschleiß führt. Barfußlaufen ist daher ein Training und wie bei jedem Training gibt es auch hier ein zu viel. Jeden Tag Duzende Kilometer mit mehreren Kilogramm Rucksackgewicht zu laufen, ohne dies gewöhnt zu sein, war zu viel. Ich bin mir sicher, dass das Training durch die Barfußschuhe mich vor allen möglichen Verletzungen bewahrte. Ich hatte kein Schienbeinkantensyndrom, keine Knie- oder Hüftprobleme. Meine Beinachse wurde von einer ausreichend kompetenten Muskulatur geführt, aber dafür steckten meine Fußsohlen eben einiges ein. Die Kombination der Schuhe würde ich daher so jederzeit wieder machen.

Die Sohle der leguano-Schuhe erwies sich durch ihren hohen Grip dabei tatsächlich als äußerst hilfreich bei vielen der kleineren Kletteraktionen. Auch bei heikleren Flussüberquerungen oder bei regennassen Steinen fühlte ich mich in den schnelltrocknenden Schuhen sehr wohl. Selbst auf Schnee machten die leguanos einen überraschend guten Eindruck.

Über den Pacific Crest Trail

Apropos unterschiedliches Terrain, vielleicht sollte ich hier nochmal kurz ein paar Informationen zum PCT allgemein geben. Er erstreckt sich wie gesagt über insgesamt etwa 4.200km zwischen Mexiko und Kanada, durchläuft dabei die US-Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington und hat so ziemlich alles zu bieten, was man sich an Natureindrücken nur erträumen kann. Die ersten 700 Meilen sind Wüste. Danach geht es für etwa einen Monat ins Hochgebirge in der Sierra Nevada. Wer möchte, macht einen kleinen Abstecher auf den höchsten Berg der USA, Mt. Whitney (4.420m). Auf jeden Fall geht es aber über den Forrester Pass, der mit etwa 4.000m auch schon ganz schön hoch ist. Nach der Sierra geht es durch ein wunderschönes Oregon und Washington. Diese beiden Bundesstaaten liegen mit den ganz großen Highlights etwas hinter der Sierra zurück, sind aber in ihrer durchgängigen Schönheit mindestens ebenbürtig.

Mein Trailname: Polkadots

Auf einem Longdistance Trail wie dem PCT bekommt man fast obligatorisch einen Trailnamen. Ich bekam meinen in der Wüste. Diesen Spitznamen bekommt man häufig durch irgendwelche charakterlichen oder äußerlichen Auffälligkeiten. Mich erkannten immer alle an meinen Schuhabdrücken im Sand und meinen Mitwanderer Diva erinnerte der Fußabdruck an das Modedesign eines Pünktchenmusters und so wurde ich Polkadots getauft.

Ausblick

Ich bin unendlich dankbar dieses Abenteuer erlebt haben zu dürfen und mein Plan steht fest, ich werde diesen Trail – wenn irgendwie möglich – nochmal laufen. Ich kann mir keinen Schöneren vorstellen. Einen Zeitpunkt habe ich auch schon festgelegt. 2058 – oder wann immer es für meine Generation in die Rente geht – möchte ich wieder meine Polkadots zwischen Mexiko und Kanada verteilen.

Tom Clemens startete im April 2019 auf die längste Wanderung seines Lebens: Er lief von Mexico nach Kanada auf dem Pacific Crest Trail.